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(Letzte Änderung: 28.04.2026 @ 17:13)
Indianer (Native Americans; First Nations)
Indianer waren die Träume meiner Kindheit. Ich wollte sein wie Winnetou, der edle Häuptling der Mescalero-Apachen. Wenn wir "Cowboys und Indianer" spielten, war ich immer auf der Seite der tapferen Stammeskrieger, deren Finten und Einfallsreichtum die eher plumpen Weißen überforderten. Eines Tages, so besprach ich es mit meinem Vater, würde ich in den Wilden Westen reisen, um meine Freunde, die "Indianer", zu besuchen.
So kam es auch. Allerdings musste ich bis zu meinem 24. Lebensjahr warten, bis uns unsere erste USA-Reise 1991 auch in die Randgebiete der Navajo Nation Reservation nahe des Grand Canyon Nationalparks führte. Was ich sah, war ein Realitätsschock - allerdings vor allem für meine romantisch gründlich fehljustierte Karl-May-Phantasie. An den Verkaufsständen saßen Navajos mit einem Gesichtsausdruck, der eher nach Alltag, Müdigkeit und Reserviertheit aussah als nach folkloristischer Begrüßung für den staunenden Europäer. Ich deutete das damals komplett falsch und war bitter enttäuscht.
Wie naiv und uninformiert ich doch war!
Das sollte mir drei Jahre später während unserer viermonatigen Honeymoon-Tour erst richtig klar werden. Nach ernüchternden Eindrücken aus der Pine Ridge Reservation in South Dakota (nahe des Badlands-Nationalparks), wo hauptsächlich Oglala Lakota leben, fuhren wir einige Wochen später kreuz und quer durch die Navajo Nation sowie durch Hopi- und Zuni-Gebiete in Arizona. Vieles wirkte arm, improvisiert, staubig und strukturell abgehängt. Verrostete Autos, Sperrmüll, schlichte Behausungen, wenig sichtbare wirtschaftliche Dynamik - das alles ergab ein deprimierendes Bild.
Auch in Orten wie Chinle sah man soziale Probleme mit bloßem Auge: Armut, Suchterkrankungen, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit. Das war kein romantischer Wilder Westen, sondern eher die kalte Dusche der Gegenwart.
Das waren also die "echten" Indianer der Neuzeit - oder zumindest mein erster, unvollständiger Blick darauf. Was für ein Realitätsschock! Es fiel mir schwer damit umzugehen. Ich war hin- und hergerissen zwischen Mitleid, Ratlosigkeit und der allmählichen Einsicht, dass nicht diese Menschen mein Klischee verraten hatten, sondern ich jahrzehntelang einem Klischee aufgesessen war.
Waren meine Eindrücke Einzelfälle, die ein verzerrtes Bild abgeben? Habe ich nur auf das Negative geachtet, dass es in jeder Gesellschaft gibt? Wie ist die Situation der Native Americans wirklich? Nachfolgend versuche ich eine kurze Analyse, die jedoch an dieser Stelle nur skizzenhaft ausfallen kann.
Ganz so simpel, wie man es sich als Außenstehender gerne zurechtlegt, ist die Lage der Native Americans natürlich nicht. Die Reservate beziehungsweise tribal lands genießen in vielen Bereichen weitgehende Autonomie, verwalten sich in erheblichem Maß selbst und verfügen teilweise über beträchtliche eigene Rechte. Seit einem Sondergesetz der US-Regierung aus dem Jahr 1988 dürfen in vielen Reservatsgebieten Casinos als Einkommensquelle betrieben werden, während sie außerhalb oft stark reguliert oder untersagt sind. Aber: Nicht jeder Stamm profitiert davon gleichermaßen, und nicht jeder Stamm will diesen Weg überhaupt gehen.
Eric T. Hansen bemerkt dazu treffend. "In den Indianerreservaten der USA gelten eigene Gesetze. Manche sind so etwas wie Parallelstaaten mit billigen Zigaretten und florierendem Glücksspiel." (Quelle: www.zeit.de)
Nicht mal das FBI hat generelle Durchgriffsrechte auf tribal land (sofern es sich nicht um Kapitalverbrechen handelt). Nur auf explizite "Einladung" der indianischen Regierung und lediglich temporär dürfen Bundesbeamte, quasi wie deputies, ermitteln. Die Navajo Nation z.B. hat sogar Hoheitsrechte über Bodenschätze und kann Explorationen untersagen oder autorisieren.
Klingt alles gut, emanzipiert und modern. Historisch betrachtet ein klarer Fortschritt gegenüber finsteren Zeiten, als z.B. 1890 der Indian Naturalization Act Indianern nur auf gesonderten Antrag Bürgerrechte gewährte. Trotz eines Indian Citizenship Acts von 1924 blieb vielen Indianern das Wahlrecht faktisch verwehrt - erst 1965 verabschiedete Präsident Lyndon B. Johnson das Wahlrechtsgesetz zum Schutz ethnischer Minderheiten, durch das bis dato noch weit verbreitete Wahlhindernispraktiken aus der Welt geschafft wurden.
Von noch finsteren Zeiten ganz zu schweigen. Im 18. und 19. Jahrhundert waren Vertragsbrüche und genötigte, erpresste oder mit rohem Faustrecht durchgesetzte Landenteignungen und Zwangsumsiedlungen Bestandteile einer nach rechtsstaatlichen Maßstäben vollkommen unhaltbaren amerikanischen Indianerpolitik.
Nur ein paar Beispiele: 1784 wurde den Six Nations (Irokesenstämme) im zweiten Vertrag von Fort Stanwix unter Androhung militärischer Strafmaßnahmen Land quasi aus den Händen gerissen. Nach ihrer Niederlage bei Fallen Timbers unterzeichneten 1795 zwölf Stämme den Vertrag von Greenville. Der Vertrag sah die Aufgabe von Ohio und Teilen Indianas vor und musste akzeptiert werden, weil den Indianern sonst die völlige Vernichtung gedroht hätte. 1868 wurde zwischen Häuptling Red Cloud und der U.S. Regierung der Vertrag von Fort Laramie geschlossen. Im Kern ging es um umfangreiche Landzusagen an die Sioux-Indianer. Als jedoch in den Black Hills im Jahr 1872 Gold gefunden wurde, war der Vertrag nicht mehr das Papier wert, auf dem er geschrieben stand. Mit Billigung der U.S. Regierung wurden die heiligen Berge der Prärie-Indianer von Tausenden Goldsuchern entweiht. Die Spannungen zwischen Indianern und Weißen eskalierten. Trotz des Siegs der Indianer unter Sitting Bull am Little Bighorn über die U.S. Army unter General Custer bedeuteten die damit verbundenen Kriege faktisch das Ende des indianischen Widerstands gegen die technologisch und zahlenmäßig hoch überlegene weiße Besatzungsmacht.
"Welchen Vertrag, den die Weißen eingehalten haben, hat der rote Mann gebrochen? Nicht einen. Welchen Vertrag, den die Weißen mit uns schlössen, haben sie gehalten? Nicht einen. Als ich ein Junge war, gehörte die Welt den Sioux. Die Sonne ging auf und unter in ihrem Land, sie schickten zehntausend Männer in den Kampf. Wo sind heute die Krieger? Wer hat sie getötet? Wo ist unser Land? Wem gehört es? Welcher Weiße kann sagen, daß ich ihm sein Land oder einen Penny seines Geldes gestohlen hätte? Und doch nennen sie mich einen Dieb. Welche weiße Frau, auch wenn sie ganz allein war, wurde jemals von mir gefangengenommen oder beleidigt? Und doch nennen sie mich einen schlechten Indianer. Welcher Weiße hat mich jemals betrunken gesehen? Wer ist jemals hungrig zu mir gekommen und wurde nicht satt? Wer hat je gesehen, daß ich meine Frauen schlug oder meine Kinder mißhandelte? Welches Gesetz habe ich gebrochen? Ist es ein Unrecht, wenn ich die Meinen liebe? Bin ich böse, weil meine Hautfarbe rot ist? Weil ich ein Sioux bin? Weil ich geboren wurde, wo mein Vater lebte, weil ich bereit bin, für mein Volk und für mein Land zu sterben?" (Sitting Bull, zit. nach www.miigwan.com; Link nicht mehr auffindbar)
Zurück ins Hier und Jetzt. Wie passen die vielen sozialen Probleme in manchen Reservatsgebieten - Armut, Investitionsschwäche, Suchtprobleme, marode Wohnverhältnisse, Müll, Perspektivlosigkeit - zu dem oben gezeichneten Bild einer politisch vergleichsweise autonomen und rechtlich mit besonderen Schutzrechten ausgestatteten first nation? Warum wirken manche Gebiete trotz aller Selbstbestimmungsrechte weiterhin so abgehängt?
Oder ganz direkt gefragt: "Why are Indian Reservations so Poor?" (Quelle: www.perc.org; Link nicht mehr auffindbar)
"To explain the poverty of the reservations, people usually point to alcoholism, corruption or school-dropout rates, not to mention the long distances to jobs and the dusty undeveloped land that doesn’t seem good for growing much. But those are just symptoms. Prosperity is built on property rights, and reservations often have neither. They’re a demonstration of what happens when property rights are weak or non-existent. The vast majority of land on reservations is held communally. That means residents can’t get clear title to the land where their home sits, one reason for the abundance of mobile homes on reservations. This makes it hard for Native Americans to establish credit and borrow money to improve their homes because they can’t use the land as collateral—and investing in something you don’t own makes little sense, anyway.
This leads to what economists call the tragedy of the commons: If everyone owns the land, no one does. So the result is substandard housing and the barren, rundown look that comes from a lack of investment, overuse and environmental degradation." (Quelle: a.a.O.)
Schuld an der Misere ist also maßgeblich das indianische System, nicht individuelles Eigentum zu verbriefen und auf diese Weise Anreize zu setzen Land gewinnbringend zu bewirtschaften oder wenigstens "in Schuss zu halten", sondern kollektive Nutzungsrechte. (Von diesem Prinzip gibt es aber Ausnahmen - nicht in allen Reservaten wird so verfahren, z.B. nicht in den Crow-Reservaten, wo zwei Drittel des Landes in Individualeigentum sind.)
Ein weiterer Faktor sind fehlende Anreize für nicht-indianische Investoren. Komplizierte juristische Fallstricke und allgemeine Rechtsunsicherheit tragen nicht zu einem freundlichen Investitionsklima bei. "Companies and investors are often reluctant to do business on reservations—everything from signing up fast food franchisees to lending to casino projects—because getting contracts enforced under tribal law can be iffy. Indian nations can be small and issues don’t come up that often, so commercial codes aren’t well-developed and precedents are lacking. And Indian defendants have a home court advantage." (Quelle: a.a.O.)
Hinzu kommen gravierende Standortnachteile, denn Reservate befinden sich oftmals in sehr abgelegenen Regionen des Landes - ein düsteres Andenken an die Abdrängungspolitik der U.S.-Regierungen in den vergangenen Jahrhunderten. Platt gesagt: Wo keine zahlungswilligen Menschen hinkommen, helfen auch Casinos nur bedingt weiter.
Wenngleich die Armut in vielen Reservatsgebieten nicht von der Hand zu weisen ist, stellt sie doch nur eine Facette der indianischen Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert dar. Viele Native Americans leben außerhalb von Reservaten, führen ein ganz normales, oft ausgesprochen selbstbewusstes Leben und treten kulturell wie politisch sichtbarer auf als früher. Es gibt indigene Akademiker, Unternehmer, Künstler, Politiker und Aktivisten in Spitzenpositionen. Das alles gehört ebenso zur Wahrheit wie die bittere soziale Realität mancher Reservate.