Kirche
(Letzte Änderung: 15.07.2026 @ 13:13)
"Mega churches mean big business"
So oder so ähnlich lautete schon vor Jahren eine treffende Schlagzeile. Der konkrete Artikel ist alt, der Kern der Beobachtung aber keineswegs. Man sagt den USA ja eh nach, dass sich alles ums big business dreht - aber auch Kirche und Religion?
Um zu verstehen, worum es eigentlich geht, könnte ein kleiner Exkurs in das amerikanische Kirchensystem hilfreich sein, welches sich von dem in Deutschland gravierend unterscheidet. Eine im Vergleich zu Deutschland deutlich schärfere Trennung von Staat und Kirche (separation of church and state) ist ein Eckpfeiler.
Die Trennung von Staat und Kirche ergibt sich vor allem aus dem ersten Verfassungszusatz (First Amendment). Dort heißt es u.a.: "Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof..." Mit anderen Worten: In Amerika gibt es keine Staatskirche, aber selbstverständlich jede Menge Religion im öffentlichen Leben. Diese Konstruktion ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass Amerika seit jeher ein Zufluchtsort für Menschen war, die auch oder gerade wegen ihrer Religion aus Europa flohen.
Demzufolge ist es nur konsequent, dass es in Amerika keine Kirchensteuer gibt und der Staat Kirchen nicht so selbstverständlich alimentiert wie in Deutschland. Öffentliche Schulen dürfen Religion nicht offiziell verordnen oder gemeinschaftlich organisieren; private Religionsausübung durch Schüler ist damit aber natürlich nicht verboten. Genau diese Mischung aus formaler Distanz des Staates und gleichzeitig hoher gelebter Religiosität macht die Sache so typisch amerikanisch.
(Paradoxerweise beginnen Sitzungen des Kongresses in der Regel mit dem Gebet eines Pfarrers und auf der US-Dollar Banknote steht "In God we trust." Weitere Beispiele für diese scheinbaren Widersprüche ließen sich anführen.)
Gleichzeitig ist das allgemeine religiöse Bewusstsein in der amerikanischen Bevölkerung wesentlich stärker ausgeprägt als beispielsweise hierzulande, auch wenn die Bindung an Kirchen in den vergangenen Jahren ebenfalls abgenommen hat. Trotzdem gilt: Wer aus Deutschland kommt, staunt oft, wie selbstverständlich in den USA über Glauben gesprochen wird.
Wegen der verfassungsmäßig gebotenen Zurückhaltung des Staates in kirchlichen bzw. religiösen Aspekten gibt es in den USA nicht die großen institutionalisierten Landeskirchen wie z.B. in Deutschland, sondern eine kaum überschaubare Zahl selbständiger Kirchen unterschiedlicher Größe. Im Prinzip kann jeder, der sich berufen fühlt, eine Kirche gründen und dieser genau die Akzentuierung in religiösen Fragen geben, die er oder sie haben möchte. Das war schon zu Zeiten der Frontier so.
Wem die Ausrichtung seiner bisherigen Kirche nicht mehr passt, kann austreten und eine eigene Splittergruppe gründen. Das passiert zwar nicht alle Tage, ist in Amerika aber auch nichts wirklich Weltbewegendes. So geschehen z.B. 2010 im Falle der Abspaltung der Nordamerikanischen Lutherischen Kirche von der - selbst durch die Fusion von drei Kirchen im Jahr 1988 hervorgegangenen - größten lutherischen Kirche der USA, der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika. Auslöser war ein Beschluss der "Mutterkirche", mit dem offen lesbisch und schwul lebenden Theologen der Weg ins Pfarrersamt geöffnet werden soll, womit viele Konservative nicht einverstanden waren und ein entsprechendes Gegengewicht schaffen wollten.
Die größte Konfession in Amerika sind Katholiken, aber die römisch-katholische Kirche in den USA ist sehr heterogen und in sich zerrissen mit entsprechenden Abweichungen von der klassischen Lehre. Ein gängiger Witz geht so: "There's a joke that says, the largest denomination in the United States is Catholic, and the second largest Ex-Catholic." (Quelle: www.deutschlandfunk.de)
Den Protestanten geht es nicht anders. Auch der Protestantismus kommt in verschiedenen Spielarten vor. Abgesehen von einer Minderheit von Protestanten im klassischen Sinne, wie etwa aus Deutschland bekannt, stammen die meisten der insgesamt weit über 200 protestantischen Denominationen aus dem evangelikalen Spektrum. Es gibt fundamentalistische, konservative und liberale evangelikale Bewegungen. Manchmal hat man den Eindruck, dass gerade fundamentalistische Töne immer lauter werden. "Sie [die Fundamentalisten; Anm. d. Verf.] predigen folgende fünf Glaubensprinzipien: Unfehlbarkeit der Bibel und deren wörtliche Interpretation, Jungfrauengeburt, leibliche Auferstehung Christi, sein stellvertretendes Sühneopfer und seine baldige physische Wiederkehr. Sie verbinden dabei persönliche Erweckungserlebnisse mit millenaristischen, nationalistischen und pazifistischen Ideen." (Quelle: www.wissen.de)
Hier eine geografische Übersicht, die die starke Dominanz der Baptisten im sog. bible belt verdeutlicht, wobei Südflorida wegen der hohen Anzahl an Menschen mit hispanischem Migrationshintergrund eine Ausnahmestellung hat:
(Quelle: www.washingtonpost.com)
Vor diesem Hintergrund zurück zu dem großen Geschäft mit den eingangs erwähnten "Mega-Churches", womit in der Regel Kirchen mit mehreren tausend regelmäßigen Besuchern pro Woche gemeint sind:
Wenn die Gründung einer Kirche einerseits unbürokratisch ist und andererseits der Staat keine Gelder zuschießt, ist es wenig verwunderlich, dass ökonomische Erwägungen ins Spiel kommen. Manche Mega-Churches sind organisatorisch, technisch und finanziell eher mittelständische Unternehmen mit Gottesdienstbetrieb als bloß bescheidene Gemeinde mit Orgel und Kirchenkaffee. Ist der Pastor dann in erster Linie Pastor oder CEO? Die Frage ist polemisch, aber keineswegs aus der Luft gegriffen.
Für deutsche Verhältnisse geradezu bizarr wirkt es, wenn im Fernsehen Prediger auftreten, sich mit pompöser Rhetorik als Superstars gerieren und eingebettet zwischen geschickt platzierte Werbespots tränenreiche Spendenappelle auf ihre begeisterten Jünger loslassen. Der Spiegel liefert unter der Überschrift "Sex, Drogen, Halleluja" ein paar hübsche Beispiele für derartige Eskapaden.