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USA A-Z

(Letzte Änderung: 9.07.2017 @ 10:04)

Kirche

"Mega churches mean big business"

So titelte CNN am 22. Januar 2010 online. Der Artikel ist also schon ein wenig älter, hat aber nach wie vor höchste Relevanz. Man sagt den USA ja eh nach, dass sich alles ums big business dreht, aber auch Kirche und Religion?

Um zu verstehen, worum es eigentlich geht, könnte ein kleiner Exkurs in das amerikanische Kirchensystem hilfreich sein, welches sich von dem in Deutschland gravierend unterscheidet. Eine im Vergleich zu Deutschland strengere Trennung von Staat und Kirche (separation of church and state) ist ein Eckpfeiler.

Die strikte Trennung von Staat und Kirche ist im Artikel VI der Verfassung und im ersten Verfassungszusatz (First Amendment) festgeschrieben. Dort heißt es u.a.: "Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof..." Mit anderen Worten: In Amerika gibt es keine Staatsreligion und der Staat hat keinerlei Einfluss auf die Religion. Diese klare Aussage ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass Amerika seit jeher ein Zufluchtsort für Menschen war, die auch oder gerade wegen ihrer Religion aus der europäischen Heimat vertrieben wurden (z.B. Calvinisten, Quäker und Lutheraner, die im 17. Jahrhundert vor der Church of England flohen und sich in ihrem neuen liberalen England, in New England, niederließen).

Demzufolge ist es nur konsequent, dass es in Amerika weder Religionsunterricht in staatlichen Schulen noch Kirchensteuer oder anderweitige staatliche finanzielle Unterstützung für Kirchen oder religiöse Privatschulen gibt. Schüler an öffentlichen Schulen dürfen nicht einmal öffentlich beten. Weihnachten ist der einzige staatliche Feiertag christlichen Ursprungs, Städte dürfen auf öffentlichen Plätzen keine Weihnachtskrippe aufstellen usw.

(Paradoxerweise beginnen Sitzungen des Kongresses in der Regel mit dem Gebet eines Pfarrers und auf der US-Dollar Banknote steht "In God we trust." Weitere Beispiele für diese scheinbaren Widersprüche ließen sich anführen.)

Gleichzeitig ist das allgemeine religiöse Bewusstsein in der amerikanischen Bevölkerung wesentlich stärker ausgeprägt als beispielsweise hier zu Lande. "Mehr als 80% der Amerikaner gehören einer Glaubensgemeinschaft an, rund 40% besuchen mindestens einmal pro Woche ein Gotteshaus und über 50% geben in Umfragen an, regelmäßig zu beten." (Quelle: www.americanet.de) Vor allem in Bezug auf die Gottesdienstbesuche dürften das Zahlen sein, von denen deutsche Kirchenoberste nur träumen können.

Wegen der verfassungsmäßig gebotenen Zurückhaltung des Staates in kirchlichen bzw. religiösen Aspekten gibt es in den USA nicht die großen institutionalisierten Landeskirchen, wie z.B. in Deutschland, sondern eine kaum überschaubare Zahl selbständiger Kirchen unterschiedlicher Größe. Im Prinzip kann jeder, der sich berufen fühlt - ähnlich wie bei einer normalen Firmengründung - eine Kirche gründen und dieser genau die Akzentuierung in religiösen Fragen geben, die er/sie haben möchte. Das war schon zu Zeiten der Frontier so. Auch damals konnte jeder, der sonst keiner anderer Beschäftigung nachging, als selbsternannter Prediger von Dorf zu Dorf ziehen und seine Dienste anbieten: Zeremonienmeister für Gottesdienste, Kindtaufen, Bestattungen usw. Die Qualifikation für diese an sich hohen Ämter spielte oftmals eine untergeordnete Rolle und beugte sich praktischen Notwendigkeiten.

Wem die Ausrichtung seiner bisherigen Kirche nicht mehr passt, kann austreten und eine eigene Splittergruppe gründen. Das passiert zwar nicht alle Tage, ist in Amerika aber auch nichts wirklich Weltbewegendes. So geschehen z.B. 2010 im Falle der Abspaltung der Nordamerikanischen Lutherischen Kirche von der - selbst durch die Fusion von drei Kirchen im Jahr 1988 hervorgegangenen - größten lutherischen Kirche der USA, der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika. Auslöser war ein Beschluss der "Mutterkirche", mit dem offen lesbisch und schwul lebenden Theologen der Weg ins Pfarrersamt geöffnet werden soll, womit viele Konservative nicht einverstanden waren und ein entsprechendes Gegengewicht schaffen wollten.

Die größte Konfession in Amerika sind Katholiken, aber die römisch-katholische Kirche in den USA ist sehr heterogen und in sich zerrissen mit entsprechenden Abweichungen von der klassischen Lehre. Ein gängiger Witz geht so: "There's a joke that says, the largest denomination in the United States is Catholic, and the second largest Ex-Catholic." (Quelle: www.deutschlandfunk.de)

Den Protestanten geht es nicht anders. Auch der Protestantismus kommt in verschiedenen Spielarten vor. Abgesehen von einer Minderheit von Protestanten im klassischen Sinne, wie etwa aus Deutschland bekannt, stammen die meisten der insgesamt weit über 200 protestantischen Denominationen aus dem evangelikalen Spektrum. Es gibt fundamentalistische, konservative und liberale evangelikale Bewegungen. Manchmal hat man den Eindruck, dass gerade fundamentalistische Töne immer lauter werden. "Sie [die Fundamentalisten; Anm. d. Verf.] predigen folgende fünf Glaubensprinzipien: Unfehlbarkeit der Bibel und deren wörtliche Interpretation, Jungfrauengeburt, leibliche Auferstehung Christi, sein stellvertretendes Sühneopfer und seine baldige physische Wiederkehr. Sie verbinden dabei persönliche Erweckungserlebnisse mit millenaristischen, nationalistischen und pazifistischen Ideen." (Quelle: www.wissen.de)

Hier eine geografische Übersicht, die die starke Dominanz der Baptisten im sog. bible belt verdeutlicht, wobei Südflorida wegen der hohen Anzahl an Menschen mit hispanischem Migrationshintergrund eine Ausnahmestellung hat:

(Quelle: www.washingtonpost.com)

Vor diesem Hintergrund zurück zu dem großen Geschäft mit den eingangs erwähnten "Mega-Churches", worunter Kirchen verstanden werden mit einer Mitgliederzahl von 15.000 aufwärts:

Wenn die Gründung einer Kirche einerseits unbürokratisch ist und andererseits der Staat keine Gelder zuschießt, ist es wenig verwunderlich, dass ökonomische Erwägungen ins Spiel kommen. "Mega churches across the United States are becoming increasingly popular which is not only bringing thousands of worshippers together, but also billions of dollars in profit. From self-help books to CDs and DVDs, mega churches are becoming big money makers for the pastors and ministries they are a part of." (Quelle: CNN) Diese Kirchen verzeichnen durchschnittlich 6,5 Mio. USD Einkommen im Jahr, was zumindest den Verdacht nährt, dass bei der Gründung und Promotion dieser Glaubensgemeinschaften nicht nur christliches Sendungsbewusstsein im Spiel ist. Ist der Pastor dann in erster Linie Pastor oder CEO?

Für deutsche Verhältnisse geradezu bizarr wirkt es, wenn im Fernsehen Prediger auftreten, sich mit pompöser Rhetorik als Superstars gerieren und eingebettet zwischen geschickt platzierte Werbespots tränenreiche Spendenappelle auf ihre begeisterten Jünger loslassen. Der Spiegel liefert unter der Überschrift "Sex, Drogen, Halleluja" ein paar hübsche Beispiele für derartige Eskapaden.