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USA A-Z

(Letzte Änderung: 9.07.2017 @ 10:04)

Wilder Westen

Der Traum meiner Kindheit. Ich durchritt den brennend heißen Llano Estacado und das Tal des Todes, kämpfte an der Seite von Old Shatterhand und Winnetou gegen das Böse dieser Welt und war der Held vom Silbersee.

Leider alles nur in meiner kindlichen Fantasie.

Karl Mays Erzählungen und die an seine Werke angelehnten 1960er Jahre Filme auf Super 8 und im TV waren die Katalysatoren meiner Amerika-Begeisterung, auch wenn sich diese erst viele Jahre später in unseren ersten USA-Reisen manifestieren sollte. Wie so viele Menschen hatte auch ich eine medial vermittelte - und sehr klischeebehaftete - Vorstellung vom Wilden Westen, die mich faszinierte.

Heute weiß ich, dass es den Wilden Westen so, wie er von K. May und den Filmemachern in den Western-Klassikern der 1950er und 1960er Jahre und den späteren Italo-Western gezeigt wurde, nicht mehr gibt. Wie Alexander Emmerich in seinem äußerst lesenswerten Buch "Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über den Wilden Westen" darlegt, hat es den Wilden Westen niemals so gegeben. Vieles ist Mythos basierend auf populärkulturellen Fehlinterpretationen oder sogar bewussten Falschdarstellungen, um Quote zu machen.

Dass der an das Rousseau`sche Bild vom edlen Wilde angelehnte Vorzeige-Indianer Winnetou nicht wirklich existiert hat, hat sich vermutlich herumgesprochen. Winnetou ist wie der Rest der May´schen Erzählungen ein Resultat gründlicher Recherche und blühender Fantasie - geboren in einsamen Stunden im Gefängnis. Darin saß May nämlich wegen diverser Gaunereien, wozu ironischer Weise auch Hochstapelei zählte. Vermutlich hat es nicht mal ein reales Winnetou-Vorbild gegeben. (Wenn überhaupt waren es mehrere, wobei Cochise und Tecumsah die wahrscheinlichsten Kandidaten wären.)

Wie ernüchternd!

Auch das durch John Wayne und den Marlboro-Mann transportierte Bild des Cowboys enthält einige Schieflagen. Hoch zu Ross, in atemberaubender Landschaft dem Sonnenuntergang entgegen reitend, wortkarg, einem damals wie heute weit verbreiteten Männlichkeitsideal entsprechend, an Recht und Ordnung orientiert, selbstverantwortlich usw. Unter diesen kitschigen Etiketten versteckt sich eine gar nicht romantisch-verklärte Realität.

Die meisten Cowboys waren nicht in erster Linie stolze und selbstbestimmte Naturburschen, sondern arme Schlucker. Ihr Hab und Gut transportierten sie auf dem Rücken ihrer Pferde auf der Suche nach schlecht bezahlten Jobs. Cowboy zu sein war kein Traumjob für Abenteurer, sondern bedeutete ein hartes, entbehrungsreiches Landstreicherleben.

Cowboys waren nicht einmal typisch amerikanisch. Wie A. Emmerich darlegt, war ein nicht unerheblicher Teil der wirklichen Cowboys afroamerikanischer (ehemalige Sklaven), indianischer oder mexikanischer Herkunft. Das in der Populärkultur stark überwiegende Bild des "weißen" Cowboys ist eine klare Irreführung.

Alexander Emmerich resümiert wie folgt: "So wurde der amerikanische Cowboy mit all seinen Attributen verklärt und in den Gründungsmythos der Vereinigten Staaten integriert. Er verkörpert vieles, wofür die amerikanische Nation steht oder stehen möchte. Er ist ein greifbares, leicht verständliches Symbol, in dem jeder - Kritiker wie Befürworter - einen Anknüpfungspunkt findet."

Wie ernüchternd!

Nachdem wir uns schon vom edlen Wilden à la Winnetou verabschieden mussten und auch in Bezug auf Cowboys vom Schlage eines John Chisum (gespielt von John Wayne) auf den harten Boden der Realität zurückgeholt wurden, folgt nun der nächste Tiefschlag für Wildwest-Romantiker. Nicht mal den klassischen Revolverhelden, wie den geheimnisvollen Mundharmonika spielenden Mann ohne Namen in "Spiel mir das Lied vom Tod" (Charles Bronson), hat es gegeben. Alles eine Erfindung der Filmindustrie.

Während Revolverhelden in Hollywood-Manier entweder an Coolness kaum zu überbieten und beinahe unfehlbare Kunstschützen waren (z.B. Clint Eastwood in Pale Rider) oder als grundböse gewissenlose Tötungsmaschinen dargestellt wurden (z.B. Billy the Kid), hatten "echte" Revolverhelden viel weniger Menschen auf dem Gewissen, als ihnen angedichtet wurde und waren wegen der damaligen technischen Restriktionen und auch mangelnder Zielsicherheit eher mittelmäßige Schützen.

Emmerich räumt mit insgesamt zwanzig populären Irrtümern über den Wilden Westen auf, von denen ich hier nur drei in aller Kürze angerissen haben.

Wie ernüchternd!