Trinkgeld
(Letzte Änderung: 15.07.2026 @ 13:13)
Auch nach vielen USA-Reisen beschleicht mich ab und an ein Gefühl der Unsicherheit, wenn ich in Amerika tip, also Trinkgeld, geben möchte. Offenbar bin ich damit nicht alleine, denn auch in den USA regt sich zunehmend Widerstand gegen die komplizierte Materie. Nicht, weil dort plötzlich niemand mehr Trinkgeld geben möchte, sondern weil die Sache in immer mehr Bereichen ausufert und inzwischen selbst Einheimische genervt die Augen rollen. Dort hat sich für dieses Phänomen längst ein hübsch-hässliches Wort eingebürgert: tippflation. Gemeint ist die inflationäre Ausweitung von Trinkgelderwartungen auf immer mehr Situationen, in denen man früher höchstens freundlich genickt hätte.
Noch aber sieht die weit verbreitete Realität anders aus. Die USA sind weiterhin Trinkgeld-Weltmeister. Nachfolgend einige DOs and DONTs zum Thema:
DO:
- Man sollte grundsätzlich ausreichend Trinkgeld geben (ca. 18%-20% im Restaurant sind heute in vielen Gegenden eine sichere Bank, 15% wirken inzwischen oft eher altmodisch knapp). Also bitte nicht 28,50 USD "großzügig" auf 30 USD aufrunden. Das wäre kleingärtnerhaft peinlich und würde von Amerikanern quasi als Erschleichung einer Dienstleistung gewertet. In Kalifornien kann man die Faustregel double the tax anwenden. Da die sales tax in den jeweiligen US-Bundesstaaten und sogar von county zu county stark schwankt, darf man diese Regel aber nicht verallgemeinern. Warum so hohes Trinkgeld in den USA? Weil Servicekräfte in vielen Bereichen traditionell stark vom tip abhängig sind, auch wenn sich die genauen Lohnmodelle je nach Bundesstaat unterscheiden.
- Auch wenn der Service schlecht ist, gibt man im Vergleich zu Deutschland großzügiges Trinkgeld. Allerdings fackeln Amerikaner nicht lange und lassen in solchen Fällen den Manager antanzen, wenn sie Grund zur Beanstandung haben. Schlechter Service ist in den USA inakzeptabel und wird selten toleriert.
- In einigen Restaurants wird das Trinkgeld schon automatisch auf den Rechnungsbetrag gerechnet und taucht dort als gratuity oder service charge auf. Das ist eine für Europäer ziemlich gewöhnungsbedürftige Variante, mit der ich mich auch nicht richtig anfreunden kann. Ausnahme? Nicht mehr überall. Vor allem in touristischen Gegenden, bei Gruppen oder in hippen Läden kommt das inzwischen spürbar häufiger vor.
- Man kann Trinkgeld auf dem Tisch in Form von Dollarnoten liegen lassen oder aber bei Zahlung mit Kreditkarte in das dafür vorgesehene Feld eintragen. In vielen Restaurants geht man mit der so vervollständigten Rechnung zur Kasse und lässt das Trinkgeld mit abbuchen.
- Beim valet parking sollte der Holer/Bringer des Fahrzeugs zwei Dollar erhalten. Zu besonderen Stoßzeiten, wenn die Jungs im Laufschritt unterwegs sind, dürfen es gerne auch drei bucks sein.
- Gepäckträger im Hotel (bellmen) dürfen einen Dollar pro Gepäckstück erwarten, wenn sie das Gepäck im Zimmer abliefern. Der Concierge wird mit einem Dollar entlohnt, wenn er z.B. ein Taxi ruft. Bei besonderen Hilfeleistungen, z.B. Tischreservierung im Restaurant, wäre ein Dollar äußerst knickrig.
- House keeping-Personal ("Zimmermädchen") gibt man pro Nacht einen Dollar, wenn man nur kurz bleibt.
- Die Liste der Trinkgeldempfänger ist damit längst nicht abgearbeitet. Oben stehen nur ein paar Beispiele. Grundsätzlich sind in den USA Leistungen im Service-Bereich weiterhin zu tippen - auch wenn man über manche Display-Aufforderung an Selbstbedienungskassen nur noch den Kopf schütteln kann.
DONT:
- Die in Deutschland gebräuchliche Variante, 28,50 EUR auf 30 EUR mit einem fröhlichen "Stimmt so." aufzurunden funktioniert in den USA nicht. Kellner würden 1,50 zurückgeben und sich wundern, was der Fremdling gemeint hat.
- Den Akt des Trinkgeldgebens (tipping) sollte man im klassischen Restaurant-, Hotel- oder Servicekontext nicht als besondere Dankerweisung betrachten, sondern als quasi fällige Bezahlung für eine erhaltene Dienstleistung. Europäische Touristen geben manchmal Anlass zum Fremdschämen - sei es aus Ignoranz, Unkenntnis oder ganz einfach Dreistigkeit. Bei völlig absurden Trinkgeldaufforderungen für Minimalleistungen darf man allerdings innerlich gern die Stirn runzeln.