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Paderquellen - Bär ermittelt

Bücher von Dirk Möller

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Obama

(Letzte Änderung: 16.07.2026 @ 8:28)

Barack Obama. 44. Präsident der Vereinigten Staaten, im Amt von 2009 bis 2017.

Warum schreibe ich ausgerechnet zu diesem Mann? Nicht, weil ich ein besonderer Fan von ihm wäre oder seine Positionen entschieden ablehnen würde, sondern weil sich an ihm wie an kaum einem Präsidenten Amerikas zuvor die Geister schieden. Mit etwas zeitlichem Abstand wirkt Obama heute fast schon wie eine eigene politische Epoche - und zwar nicht nur wegen seiner Person, sondern wegen der Grundsatzfragen, die sich an ihm festgebissen haben.

Morrissey klagte einst in seinem großen melancholischen Song America is not the World darüber, dass der Präsident dort niemals schwarz, weiblich oder schwul sei. Nun, die Sache mit der Hautfarbe hatte sich mit Obama ja erledigt, was längst nicht allen gefiel. Bei einem Teil des Widerstands schwang unüberhörbar Rassismus mit. Aber die Hautfarbe war übergeordnet gar nicht der entscheidende Punkt.

Ein Teil des Volkes sah in Obama einen modernen Intellektuellen, der verhärtete Missstände in der Gesellschaft und die damit verbundene Verantwortung des Staates erkannt und entsprechend agiert hatte. Der andere Teil witterte in Obama misstrauisch die fleischgewordene unbotmäßige Einmischung und Willkür des Staates im land of the free und dem home of the brave. Um das zu verstehen, muss man etwas tiefer in die amerikanische Seele eintauchen.

Amerikaner sind ein äußerst freiheitsliebendes Volk. Patriotisch durch und durch und stolz darauf den damals so unbändigen neuen Kontinent, die wilde Natur, unter Kontrolle bekommen zu haben. Und zwar mit der Kraft ihrer Hände, mit Mut und Entschlossenheit, ohne dabei am Rockzipfel der Obrigkeit gehangen zu haben. Zu dieser im amerikanischen Selbstverständnis tief verwurzelten Denkweise passt es nicht, wenn die Regierung die Bevölkerung quasi nötigt etwas zu tun, wofür sie sich freiwillig entscheiden könnte. So ein Diktat ist Verrat an den Werten der Pilgerväter und Republikgründer und redet Sozialismus und Kommunismus das Wort.

Unter diesem Blickwinkel war Obamas Patient Protection and Affordable Care Act ("Obamacare"), bei dem es im Kern darum ging, die Zahl unversicherter Amerikaner zu senken und Krankenversicherung breiter verfügbar zu machen, natürlich pures Dynamit. Für die einen war das überfällige Korrektur an einem sozialen Irrsinn. Für die anderen eine von Washington verordnete Grenzüberschreitung im land of the free. Genau an solchen Fragen entzündet sich in den USA der Grundkonflikt zwischen Individualismus und staatlicher Verantwortung bis heute.

Obama steht damit nicht nur für Obamacare. Obama steht für viele Amerikaner für die Einmischung des Staates in die Belange des Bürgers. Obama steht für viele Amerikaner aber auch dafür, verkrustete Strukturen aufzubrechen und Millionen von Menschen wenigstens ein Stück weit besser abzusichern.

Für Präsident Obama war das Durchdrücken der Reform gegen den heftigen Widerstand des konservativen Amerikas vielleicht der größte innenpolitische Durchmarsch seiner Karriere. Und tatsächlich: Alle Abschaffungsversuche hat der Affordable Care Act überstanden, das Gesetz gilt bis heute. Die apokalyptischen Untergangsszenarien seiner Gegner haben sich jedenfalls nicht in der erträumten Reinheit erfüllt.

Abgeschafft wurde die Reform also nicht – ausgehöhlt aber sehr wohl. Nachdem die erhöhten Zuschüsse (enhanced premium tax credits) 2025 ausliefen und nicht verlängert wurden, verdoppelten sich die Prämien im Schnitt von 2025 auf 2026. Die Zahl der Versicherten im ACA-Marktplatz fiel daraufhin von 24,2 Millionen, dem Höchststand 2025, auf 19,2 Millionen. Fünf Millionen Menschen weniger. (Quelle: NPR/GPB, Juni 2026)

Der Grundkonflikt ist damit alles andere als erledigt. Er wird heute nur anders ausgetragen: nicht mehr per Abschaffung, sondern über Zuschüsse, Regeln und Fristen.

Und was hat das alles mit einer USA-Reise zu tun? Mehr, als man denkt. Wer versteht, wie tief das Misstrauen gegen staatliche Vorgaben sitzt, versteht auch einiges, was einem unterwegs auffällt: warum ein Arztbesuch derart teuer werden kann, warum Armut im reichsten Land der Welt so sichtbar ist und warum die Debatte um Waffen so verläuft, wie sie verläuft. Wie das politische System dahinter funktioniert, steht sachlich und ohne Wertung auf der Seite Politik.