USA A-Z
(Letzte Änderung: 29.04.2026 @ 11:38)
Car Culture
Was wäre der Amerikaner ohne Auto? In einem Land mit überwiegend riesigen Entfernungen und abseits von Großstädten kaum vorhandenem öffentlichen Personennahverkehr so etwas wie ein hilflos mit den Beinen in der Luft strampelnder Maikäfer auf dem Rücken.
Die Hinwendung zum Auto ist in der amerikanischen Seele tief verwurzelt. Sie entspringt einerseits einem Pragmatismus, denn ohne Auto geht es nun einmal im Alltag nicht. Wie soll man von dem eigenen suburb ohne Auto zum Arbeitsplatz hin und zurück kommen? Wie erreicht man innerhalb der einwohnermäßig höchstens mittelgroßen aber flächenmäßig total zersiedelten Stadt die Supermärkte, Restaurants und Shopping-Malls?
Andererseits ist die national love affair with the automobile (Quelle: www.usatoday.com) Ausdruck einer individualistischen Do-it-yourself-Einstellung, nach dem man sich zwar gegenseitig hilft, aber prinzipiell jeder erst einmal alleine für sich klar kommen muss. Und sie ist Ausdruck des immensen Freiheitsstrebens, für das Amerika seit jeher steht. Öffentliche Verkehrsmittel mit vorgeschriebenen festen Fahrplänen sind damit wenig vereinbar.
Was wäre ein USA-Urlauber ohne Mietwagen? Siehe oben: ein strampelnder Maikäfer. Natürlich kann man mit Amtrak-Zügen und Greyhound-Bussen durch´s Land reisen. Von Bahnhof zu Bahnhof. Und dann? Wie geht´s weiter zu den Sehenswürdigkeiten, den Nationalparks und -monumenten? Unter dem Strich ist ein Mietwagen unentbehrlich, wenn man nicht bereit ist erhebliche Einbußen in Kauf zu nehmen.
Wenn man die von Autohändlern gesäumten Ausfallstraßen amerikanischer Städte entlangfährt und die vielen verkaufsfertigen SUVs und andere Gefährte am Straßenrand sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass die Auto-Kultur in den USA, immerhin dem Geburtsland des berühmten Model T, ernsthaft auf dem absteigenden Ast sein soll. Immer wieder wurde genau das zwar behauptet, aber so richtig tot wirkt die amerikanische Liebe zum Auto bis heute nicht.
Eher hat sie ihren Aggregatzustand geändert. Die ganz große romantische Erzählung vom Auto als Freiheitsmaschine für jede Altersgruppe mag hier und da Risse bekommen haben, aber das Land ist gleichzeitig noch immer voll von Pick-ups, SUVs, Pendlerkilometern, Roadtrips und suburbia-bedingter Fahrzwanglogik. Vom Ende der car culture zu sprechen, war also mindestens verfrüht.
Falls sich überhaupt ein Trend beschreiben lässt, dann vielleicht dieser: Das Auto ist für viele Amerikaner weniger Kultobjekt als früher, aber als Alltagsnotwendigkeit kaum entthront. Die Gründe reichen von Lifestyle-Änderungen (mehr Online-Shopping, andere Wohnformen, mehr Homeoffice) bis hin zur Wahrnehmung, dass moderne Autos eher seelenlose computers on wheels sind und weniger Spaß machen.