Veröffentlicht am 23. August 2026ca. 9 Min. Lesezeit
Reisen und Fotografieren gehören für mich untrennbar zusammen. Beim Fotografieren wird scheinbar mein tief im Rückenmark verankerter Jagdtrieb geweckt - ich laufe im Urlaub quasi permanent mit Fotografenblick rum und scanne die Umgebung nach potenziellen Motiven. Eine USA-Reise ohne Kameraausrüstung würde mir nur halb so viel Freude bereiten.
Ausrüstung: Leicht schlägt schwer - Systemkamera statt vollausgestatteter DSLR mit Stativ.
Belichtung: Bei hellen Motiven (Strand, Wüste, Wasser) auf die Lichter achten, nicht plattbrennen.
Personen fotografieren: Im Zweifel Bild im Display zeigen oder vorher fragen, statt Ärger zu riskieren.
In Amerika kommen Fotografen jeglichen Anspruchs auf ihre Kosten - egal, ob mit Handy-Knipse oder stativbewehrt mit DSLR-Luxusausrüstung, deren Anschaffungskosten in der Nähe eines Kleinwagens liegen. Natürlich ist hier nicht der richtige Platz für einen Fotografie-Lehrgang, für den ich mich übrigens auch gar nicht hinreichend qualifiziert fühle, aber ein paar Tipps aus langjähriger Erfahrung möchte ich unsortiert und querbeet zum Besten geben. Da gerade Technikthemen gerne verbissen und emotional diskutiert werden: Die folgenden Punkte sind als Skizzierungen meiner persönlichen Vorlieben zu verstehen, keine dogmatischen Regeln.
Golden Hour ist schön, aber kein Muss
Wer eine Rundreise macht, kann nicht überall zur golden hour - also etwa eine bis zwei Stunden vor Sonnenuntergang - sein. Zwar liest man in Fotobüchern immer, dass dann die Farben und Kontraste stimmen, was ja auch richtig ist, aber ich sehe die Sache mittlerweile ziemlich entspannt. Wenn es zeitlich klappt, schön, wenn nicht auch nicht schlimm. Gute Bilder gelingen auch zu anderen Tageszeiten.
Handy, Bridge-Kamera oder Vollformat? Die ganze Bandbreite
Die Bandbreite an Ausrüstung, mit der Reisende heute unterwegs sind, ist riesig - vom Smartphone bis zur Vollformatkamera ist alles vertreten. In Städten fotografieren gefühlt 90 Prozent nur noch mit dem Handy, in der Landschaft, bei Nationalparks und Weitwinkelmotiven ist das Verhältnis zu echten Kameras noch eher 50/50 - wobei sich das Pendel auch dort spürbar in Richtung Handy verschiebt.
Ich selbst würde nicht mehr so viel Gepäck schleppen wollen und halte hier ein kleines Plädoyer für eine leichte Ausrüstung. Meine persönliche Vorliebe gilt seit Jahren Bridge-Kameras mit 1-Zoll-Sensor und einem sehr guten Objektiv - die Sony RX10 III war lange mein treuer Begleiter, ganz ohne Wechselobjektive und trotzdem mit enormer Brennweitenspanne. Daneben arbeite ich auch mit APS-C-Ausrüstung (Nikon Z50) und mit Vollformat, sprich Kleinbild (Nikon Z5) - auf Reisen nehme ich aber ohnehin immer nur eine einzige Kamera mit, welche das dann jeweils ist, hängt schlicht davon ab, worauf ich gerade Lust habe. Und auch das iPhone kommt zum Einsatz - allerdings ausschließlich mit DNG-Aufnahme (also RAW) statt JPEG, um die Kontrolle über die Bildbearbeitung zu behalten und die typischen Überschärfungs-Artefakte der Handy-JPEGs von vornherein zu vermeiden.
Menschen fotografieren: lieber transparent sein
Amerikaner reagieren manchmal irritiert, wenn man, zum Beispiel am Strand, Aufnahmen macht, wobei nicht klar erkennbar ist, welcher Art die Bilder sind. Ich bin schon angesprochen worden, warum, wen oder was ich fotografiere. Um keinen Ärger zu provozieren, habe ich meine Bilder unaufgefordert im Kameradisplay präsentiert, woraufhin sich die Gemüter schnell beruhigt haben. Im Zweifelsfall lieber fragen, ob jemand etwas dagegen hat, mit aufs Bild zu kommen - was bei Übersichtsaufnahmen natürlich ein Ding der Unmöglichkeit sein kann.
Filter: weniger ist meistens mehr
Von Pol-, Skylight- oder UV-Filtern halte ich wenig bis nichts. Polfilter-Effekte in Bezug auf Farbsättigung und Kontraste kann man auch in der EBV (Photoshop, Gimp, IrfanView etc.) realisieren, wenn man sie denn unbedingt haben möchte. Jede Linse, durch die das Licht durchfällt, ist ein Hindernis auf dem Weg zum Sensor und eine potenzielle Störquelle. Allerdings kann man mit Polfiltern auch Entspiegelungseffekte erzielen, die man daheim am PC schlecht oder gar nicht nachstellen kann. Gleiches gilt für ND-Filter, die zum Beispiel dazu dienen, die Lichtmenge zu verringern, sodass Wasser mit langer Verschlusszeit fotografiert werden kann und die bekannten "Schleier-Effekte" entstehen.
Stativ? Meistens verzichtbar
Ich weiß, dass eingefleischte Stativisten über meine Ignoranz nur den Kopf schütteln können, aber die Fälle, in denen ein Stativ wirklich sinnvoll ist, sind auf Reisen ziemlich rar gesät - zumindest auf meinen Reisen. 1/1000 bei ISO 200 bei f/5,6 bei mFT mit Image Stabilization kann ich noch gerade freihändig halten, sogar 1/8 gelingt da noch in der Regel. Ich empfinde tiefes Mitleid, wenn ich sehe, wie sich Rücken und Knie unter der Last von DSLR plus fünf Wechselobjektiven plus sturmfestem Stativ beugen. Aber wer meint...
RAW schlägt JPEG, Belichtung will Aufmerksamkeit
Apropos EBV: RAW schlägt JPEG - meine Meinung. Nicht, weil RAW magisch wäre, sondern weil man bei Weißabgleich, Lichtern, Schatten und generell beim Retten grenzwertiger Aufnahmen wesentlich mehr Reserven hat. Bei den häufig sehr hellen Motiven in den USA (Strand, Wüste, helle Felsen, Wasserflächen) sollte man die Belichtung aufmerksam im Auge behalten. Früher hieß es gern dogmatisch "expose to the right" - ganz falsch ist der Gedanke nicht, aber ich würde ihn heute nicht mehr als Glaubenssatz predigen. Entscheidend ist, die wichtigen Lichter nicht sinnlos abzusägen und trotzdem genug Reserven in der Datei zu behalten. Ob dabei in der Kamera AdobeRGB oder sRGB als Farbraum eingestellt ist, ist übrigens ziemlich egal - die Entscheidung darüber fällt ohnehin erst im RAW-Konverter. Wer sich nicht sicher ist, wo der Unterschied liegt, sollte sRGB nehmen, das Überraschungspotenzial im negativen Sinne ist dann geringer.
Weitere Fototipps
Strand und White Sands: bewusst überbelichten
An sehr hellen Motiven wie dem Strand oder im White Sands National Park neigen Kameras dazu, zu grau abzubilden, wenn man sich blind auf die automatische Belichtungsmessung verlässt. Der Grund liegt in der Funktionsweise der Belichtungsmessung selbst: Sie ist grundsätzlich auf mittleres Grau (18 %) kalibriert und versucht, jede Szene im Durchschnitt auf diesen Grauwert zu bringen - unabhängig davon, ob die Szene tatsächlich mittelhell, sehr dunkel oder sehr hell ist. Bei einer überwiegend hellen Szene wie strahlend weißem Sand oder Schnee interpretiert die Kamera dieses Weiß fälschlich als "zu hell für eine normale Szene" und dunkelt es künstlich ab, um es auf 18 % Grau zu drücken. Das Ergebnis: Statt strahlend weißem Sand bekommt man ein trübes, gräuliches Bild.
Viele Fotoratgeber empfehlen dafür recht pauschal +1 bis +2 EV Überbelichtung per Belichtungskorrektur (Quellen: Digital Photography School, Fstoppers) - nach meiner eigenen Erfahrung ist das in der Praxis meistens zu viel des Guten und drückt die Lichter schnell zu weit in Richtung Ausbrennen. Eine halbe Blende (+0,5 EV) reicht in den allermeisten Fällen völlig aus, um aus grauem Sand wieder strahlend weißen zu machen, ohne die Zeichnung in den hellsten Bereichen zu verlieren. Wer mit Spot- statt Matrix-/Mehrfeldmessung arbeitet und dabei versehentlich auf die hellste Stelle im Bild misst, verstärkt das Problem sogar noch zusätzlich - hier hilft es, gezielt auf einen mittelhellen Bildbereich zu messen oder gleich mit der moderaten Überbelichtungskorrektur zu arbeiten. Da RAW-Dateien (siehe oben) ohnehin mehr Belichtungsspielraum bieten, lässt sich eine leichte Überbelichtung im Zweifel auch nachträglich noch etwas feinjustieren.
Histogramm statt Display trauen
Das Kameradisplay wirkt bei praller Sonne, wie sie in der Wüste, am Strand oder in Death Valley eher die Regel als die Ausnahme ist, durch die Umgebungshelligkeit optisch getäuscht oft dunkler als das tatsächliche Bild - der Bildschirm selbst wirkt gegen das grelle Umgebungslicht schlicht schwächer. Wer sich darauf verlässt, korrigiert unbewusst gegen und überbelichtet am Ende zu stark, nur um das Bild auf dem Screen "richtig hell" erscheinen zu lassen - mit blockierten, nicht mehr rettbaren Lichtern als Resultat.
Verlässlicher ist ein kurzer Blick aufs Histogramm: Ein Berg ganz am rechten Rand bedeutet, dass Lichter tatsächlich abgeschnitten sind (verloren, egal was die spätere Bearbeitung versucht), eine große Lücke am rechten Rand bedeutet dagegen, dass noch Belichtungsspielraum nach oben vorhanden wäre. Viele Kameras bieten zusätzlich eine "Zebra"- oder Blinkfunktion für überbelichtete Bereiche direkt im Sucher oder auf dem Display an - auch das ist bei sehr hellen Motiven verlässlicher als der reine optische Eindruck.
Blaue Stunde für Nacht- und Dämmerungsaufnahmen
Wer nachts eine beleuchtete Stadt-Skyline oder ein angestrahltes Gebäude fotografieren will, ist mit der blue hour meist deutlich glücklicher als mit vollständiger Dunkelheit. Die blaue Stunde bezeichnet die kurze Phase kurz nach Sonnenuntergang bzw. vor Sonnenaufgang, in der die Sonne zwischen 4 und 8 Grad unter dem Horizont steht - der Himmel zeigt dann noch ein sattes Dunkelblau statt komplett schwarz zu sein. Je nach geografischer Breite dauert dieses Fenster nur etwa 20 bis 40 Minuten, ist also gut planbar, aber auch schnell wieder vorbei (Quelle: PetaPixel).
Der Vorteil: Kunstlicht (Straßenlaternen, angestrahlte Gebäude, Stadtbeleuchtung) und der noch nicht komplett schwarze Himmel halten sich in dieser Phase ungefähr die Waage, sodass beides gleichzeitig gut belichtet im Bild landet - fotografiert man dagegen bei völliger Dunkelheit, säuft der Himmel meist als tote schwarze Fläche ab, während die künstlichen Lichtquellen ausbrennen. Da die Lichtmenge in dieser Phase insgesamt gering ist, lohnt sich hier tatsächlich mal ein Stativ - einer der wenigen Fälle, in denen ich selbst eines mitnehmen würde (siehe oben).