USA A-Z
(Letzte Änderung: 28.04.2026 @ 17:12)
Waffen
Früher hätte an dieser Stelle eine Liste der schlimmsten mass shootings der zurückliegenden Jahre gestanden. Ich habe sie bewusst nicht einfach weiter verlängert, weil genau darin die eigentliche Perversion liegt: Die Liste wäre inzwischen so lang, dass sie vom Eintrag zum Menetekel geworden ist.
Sandy Hook, Orlando, Las Vegas, Parkland, Uvalde, Lewiston - und dazwischen unzählige weitere Fälle, die nur deshalb aus dem weltweiten Gedächtnis rutschen, weil in Amerika der nächste Massenmord mit Schusswaffen zuverlässig schon um die Ecke lauert. Das allein sagt leider schon fast alles.
Das waren beziehungsweise sind nicht bloß Schlagzeilen, sondern Symptome einer Realität, die die Gesamtbilanz des Grauens mit allen Toten, schwer Verletzten und Traumatisierten leider nicht einmal im Ansatz vollständig wiedergibt. David Hemenway, Direktor des Harvard Injury Control Research Centers und des Harvard Youth Violence Prevention Centers, stellt fest:
"...mass public shootings have become more common. These shootings, in more public places and often of strangers, have been increasing over the past five years." Und weiter: "The U.S. is average in terms of non-gun violence and non-gun crime. But we have many more guns, and much weaker gun laws, and thus far more gun deaths (e.g., gun homicides and overall homicides) than other developed nations. Not surprisingly, we also have many more mass shootings per capita." (Quelle: www.hsph.harvard.edu)
Der letzte Punkt ist hochbrisant. Amerika hat offenbar nicht mehr Gewaltverbrechen per se als der "Rest der industrialisierten Welt" (high income countries), aber signifikant mehr schusswaffenbezogene Gewaltverbrechen.
Die Einschätzung von David Hemenway deckt sich mit einer Studie der Harvard School of Public Health und der Northeastern University. Demnach werden die Zeitabstände zwischen mass shootings immer kürzer: "In the last three years [die Studie wurde 2014 veröffentlich; d. Verf.], there have been 14 mass shootings—defined as public attacks in which the shooter and victims were generally unknown to each other and four or more people were killed—occurring on average every 64 days. During the previous 29 years, mass shootings occurred on average every 200 days."
(Quelle: www.motherjones.com)
Zahlen lügen (in diesem Fall) nicht. Wie geht Amerika mit der sich immer schneller drehenden Spirale schusswaffenassoziierter Massenmorde um?
Ich zitiere wieder David Hemenway: "We don’t seem to be making much progress on mass shootings. Other developed countries have responded to their mass shootings by tightening up their gun laws. Australia, for example, reportedly had 13 gun massacres in the 18 years before the Port Authur tragedy in 1996. The government’s response to that tragedy was a massive mandatory buyback program of semi-automatic long-guns and a tightening of their gun laws. In the 18 years since Australia has not reported a single mass shooting. In the U.S., recent mass shootings have led states with relatively strong gun laws to strengthen them, but in states with weak laws, the laws have been weakened even further. At the federal level, there has been no progress in strengthening our very weak (by international standards) gun laws." (Quelle: a.a.O.)
In der öffentlichen Diskussion stehen sich Befürworter schärferer Waffengesetze und deren Gegner weiterhin unversöhnlich gegenüber. Während die einen (aus meiner Sicht vernünftiger Weise) argumentieren, dass es ohne die generell vielen und in vielen Staaten viel zu leicht zugänglichen bzw. erwerbbaren Waffen nicht zu diesem mass shootings kommen würde, beharren die anderen darauf, dass nicht ein Zuviel an Waffen das Problem ist, sondern eher im Gegenteil müssten diese an qualifizierte Leute erst Recht verteilt werden.
"What can stop a bad guy with a gun? A good guy with a gun!" Das ist so ein typischer Propagandaspruch der NRA (National Rifle Association), die mit weit verzweigter Lobbyarbeit versucht ihre Pfründe (Macht und Geld), und weniger das Leben der ach so bedrohten und zur Selbstverteidigung quasi gezwungenen Amerikaner, zu verteidigen.
Gezeichnet von dem Schrecken des Augenblicks und der gleichzeitig in Teilen der Bevölkerung verbreiteten unverbesserlichen Ignoranz und Borniertheit ließ Präsident Obama damals nach dem Oregon-Massaker in Roseburg die übliche staatsmännische Distanziertheit fallen und trat der versammelten Presse desillusioniert und voller Enttäuschung entgegen. Seine Klage, diese Reden seien in Amerika schon Routine geworden, wirkt heute leider eher prophetisch als historisch.
Man muss sich das mal vorstellen: Schon Obama musste während seiner zwei Amtszeiten immer wieder vor sein Volk treten und um Worte ringen, weil erneut Amerikaner bei Amokläufen von Amerikanern getötet wurden. Danach wurde es nicht besser. Genau das ist ja der Skandal.
Aber warum wacht das Land nicht auf und verzettelt sich immer noch in absurd erscheinenden Diskussionen über das Für und Wider einer liberalen Schusswaffengesetzgebung? Um das zu verstehen, sollte man einen Blick in die am 25. September 1789 beschlossene Bill of Rights werfen, also die Sammlung von zehn Zusatzartikeln zur Verfassung der Vereinigten Staaten, in der der Bevölkerung bestimmte Grundrechte zugesichert werden, die nicht zur Disposition stehen.
Im 2. Zusatzartikel (Second Amemdment) steht damals wie heute: "A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed." Allen relativierenden Deutungsversuchen im historischen Kontext zum Trotz berufen sich die Befürworter von Schusswaffenfreiheit unversöhnlich auf das dort verbriefte Recht Schusswaffen zu besitzen, zu tragen und ggf. auch zu nutzen.
Versuche des Staates dieses Recht einzugrenzen werden auf der formal-juristischen Ebene als verfassungswidrige Einmischung der Regierung interpretiert und darüber hinaus scharf als Verrat an amerikanischen Werten und Traditionen verurteilt. Gerade dieser, das patriotische Herz ansprechende, Aspekt findet bei vielen Amerikanern offenes Gehör, woraus sich erklärt, warum es politisch eben nicht so leicht ist, einfach das Vernünftige zu tun und eine rigorose Anti-Schusswaffenpolitik zu betreiben.
Übergeordnet geht es also gar nicht nur um die Schusswaffenfrage an sich, sondern auch um den Stellenwert der Regierung im Verhältnis zu den Individualrechten der Bevölkerung. Das ist eine in Amerika noch immer nicht endgültig geklärte Streitfrage.
AMERIKA, WACH ENDLICH AUF!